Wenn wir nicht mehr dieselbe Wirklichkeit sehen – worüber reden wir dann eigentlich?

Am vergangenen Samstag haben wir gemeinsam Fake News produziert. Absichtlich.

Nicht, um sie anschließend ins Internet zu kippen, sondern um praktisch zu sehen, wie wenig es inzwischen braucht, um etwas herzustellen, das auf den ersten Blick ziemlich glaubwürdig aussieht: ein paar Sätze, ein passendes Bild, daraus ein vermeintlicher Screenshot, noch eine WhatsApp-Nachricht dazu – und fertig ist etwas, das im Zweifel innerhalb weniger Minuten weitergeleitet werden könnte.

Genau darum ging es in meinem Workshop “Was ist echt? Fake News, KI und Informationen im Netz kritisch prüfen” beim Muslimischen Bildungswerk für Demokratie im Rahmen des Projekts Jung, Demokratisch, Aktiv. Wir haben uns angeschaut, warum unsere Feeds unterschiedlich aussehen, wie Aufmerksamkeit und Wiederholung unsere Wahrnehmung beeinflussen, woran manipulierte Inhalte auffallen können, was generative KI eigentlich macht und wie sich Informationen systematischer prüfen lassen. Dabei ging es bewusst nicht nur ums Zuhören: Wir haben gesucht, verglichen, diskutiert, eigene Inhalte erzeugt und immer wieder selbst geprüft.

Einen Punkt daraus finde ich besonders wichtig: In unserer Fallwerkstatt gab es nicht nur “wahr” und “falsch”. Eine dritte Antwort war ausdrücklich möglich: Es fehlen verlässliche Belege, also weiß ich es gerade noch nicht. Genau deshalb haben wir zwischen “geprüft”, “manipuliert” und “unklar” unterschieden.

Denn unterschiedliche Meinungen sind für demokratischen Austausch kein Problem. Schwierig wird es dort, wo zwei Menschen glauben, über dieselbe Sache zu sprechen, aber völlig unterschiedliche Informationsgrundlagen mitbringen. Dann müssen wir vor der eigentlichen Diskussion erst einmal klären, woher eine Information kommt, was wir tatsächlich wissen, welcher Kontext fehlt und ob wir überhaupt über denselben Sachverhalt reden.

Ein Satz aus dem Workshop bringt davon ziemlich viel zusammen: Aufmerksamkeit ist kein Beleg. Reichweite zeigt erst einmal nur, dass ein Inhalt Aufmerksamkeit bekommt. Sie beweist nicht, dass er stimmt.

An der Stelle hilft mir auch eine Unterscheidung, die ursprünglich aus Transformationskontexten kommt und sich ziemlich gut auf Medienbildung übertragen lässt:

  • Problemwissen: Was passiert eigentlich? Wie funktionieren algorithmische Auswahl, Desinformation oder generative KI, und wo entstehen Risiken?

  • Lösungswissen: Welche Werkzeuge und Prüfschritte helfen mir konkret weiter?

  • Transformationswissen: Wie übersetze ich dieses Wissen in meinen Alltag? Welche Routinen ändere ich, wie nutze ich Technologie sinnvoll und wo entstehen daraus neue Handlungsmöglichkeiten?

Und gerade bei dieser letzten Frage ist unser Workshop ziemlich lebendig geworden.

Medienbildung darf nicht bei “Vorsicht!” aufhören

Nachdem wir über Fake News, Deepfakes, Quellenprüfung und Datenschutz gesprochen hatten, kamen immer mehr Fragen dazu, was man mit diesen Werkzeugen eigentlich selbst sinnvoll machen kann.

Einige Teilnehmerinnen nutzen KI längst für Übersetzungen oder lassen sich Dinge erklären. Eine Teilnehmerin wollte beispielsweise ausprobieren, für ihr Kind eine kleine Leistungskontrolle zum Üben zu erstellen. Mich hat daran beeindruckt, wie selbstverständlich aus einer konkreten Notwendigkeit heraus Lösungen gefunden werden.

Viele meiner Migra Friends und ich kennen solche Situationen in sehr unterschiedlicher Ausprägung: Eltern möchten ihre Kinder selbstverständlich unterstützen, können eine schulische Aufgabe aber vielleicht sprachlich nicht vollständig begleiten, kennen das deutsche Schulsystem selbst weniger gut oder haben aus der eigenen Bildungsbiografie heraus bei bestimmten Themen weniger Möglichkeiten zu helfen. Das betrifft natürlich nicht ausschließlich Familien mit Migrationsgeschichte. Auch andere Eltern können aufgrund eigener Bildungserfahrungen, fehlender fachlicher Zugänge oder ganz anderer Lebensumstände an solche Grenzen kommen.

Heute gibt es dafür zusätzliche Werkzeuge. Ein Text kann übersetzt werden, eine Erklärung in einer anderen Sprache ausgegeben, ein Thema noch einmal einfacher erklärt oder eine kleine Übungsaufgabe erstellt werden.

Systemische Probleme lösen sich dadurch nicht von heute auf morgen. Und ich finde es wichtig, sie weiterhin klar zu benennen. Aber genauso wichtig finde ich, nicht darauf zu warten, bis irgendwann der große gesellschaftliche Wandel sämtliche Barrieren beseitigt hat. Wer heute ein konkretes Problem hat, braucht häufig auch heute eine Möglichkeit, damit umzugehen.

Dass die Frauen sich solche Wege längst selbst erschließen, finde ich deshalb ziemlich stark.

Natürlich sollten Menschen gleichzeitig wissen, dass KI überzeugend falsch liegen kann, dass Quellen überprüft werden müssen und dass Ausweisfotos, Gesundheitsdaten oder private Informationen anderer Personen nicht einfach in irgendeinen KI-Chat gehören. Genau solche Fragen haben wir ebenfalls behandelt.

Über Ressourcen haben wir an dieser Stelle übrigens noch gar nicht gesprochen. Auch KI braucht reale Infrastruktur, Rechenzentren, Energie und Wasser. Und beim Energiebedarf könnte ich sofort beim Rebound-Effekt beziehungsweise Jevons-Paradoxon abbiegen: Effizienz steigt → Nutzung steigt → der Gesamtverbrauch sinkt möglicherweise deutlich weniger als erwartet oder steigt sogar.

Aber dann wären wir endgültig drei Workshops weiter gewesen. 😄

Und genau das muss aus meiner Sicht auch nicht immer sein. In einem Grundlagenformat müssen Menschen nicht mit jeder technischen, ökologischen, ethischen und gesellschaftlichen Folgefrage gleichzeitig konfrontiert werden. Im schlechtesten Fall wissen sie danach sehr genau, warum sie eigentlich lieber gar nichts nutzen sollten, während andere längst ausprobieren, lernen und sich Vorteile erschließen.

Man darf Wissen auch Schritt für Schritt aufbauen.

Von Quellenprüfung zu eigenen Workflows

Irgendwann habe ich dann gezeigt, wie ich KI inzwischen selbst benutze, und da wurden die Augen noch einmal ein bisschen größer. 😉

Meine alltägliche Nutzung besteht längst nicht mehr hauptsächlich daraus, einen Chat zu öffnen und “Schreib mir eine E-Mail” einzugeben. Ich kann zum Beispiel eine Sprachnachricht mit einer neuen Aufgabe einsprechen. Daraus kann mir automatisch im richtigen Projektmanagement-System eine Aufgabe erstellt werden, inklusive Status, Deadline und gegebenenfalls sinnvoller Unteraufgaben. Passende Arbeitszeit kann in meinem Kalender geblockt werden, und aus demselben Vorgang heraus kann direkt eine E-Mail versendet oder zunächst als Entwurf abgelegt werden.

Bei kreativen Projekten gilt dasselbe. Für erste Visualisierungen oder Mockups musste ich früher teilweise Stunden investieren, bevor überhaupt sichtbar wurde, ob eine Idee funktioniert. Heute kann ich erste Richtungen wesentlich schneller erzeugen, bewerten, verwerfen und anschließend im Rahmen meiner “Menschen-Arbeitszeit”, wie ich sie nenne, weiterentwickeln.

Genau deshalb haben wir KI im Workshop auch nicht ausschließlich als Risiko betrachtet. Wir haben darüber gesprochen, wo sie beim Erklären, Übersetzen, Lernen und Strukturieren helfen kann und gleichzeitig ziemlich klar benannt, wo ihre Grenzen liegen.

Der Wunsch der Teilnehmerinnen am Ende war entsprechend eindeutig: Beim nächsten Mal gern noch stärker in die Anwendung gehen, eigene Anwendungsfälle entwickeln, Prompts ausprobieren, verschiedene Werkzeuge testen und schauen, welche Aufgaben sich im eigenen Alltag tatsächlich erleichtern lassen.

Für mich ist das ein ziemlich gutes Feedback auf einen Workshop. Die Menschen gehen weder mit “KI kann alles” noch mit “KI ist gefährlich, Finger weg” nach Hause, sondern mit mehr Möglichkeiten, selbst zu entscheiden, was davon für sie sinnvoll ist.

Und ja: Im Raum saßen ausschließlich Frauen

Das fand ich ebenfalls bemerkenswert.

Ich habe irgendwann tatsächlich gefragt, warum eigentlich keine Männer da sind. Ob Männer vielleicht häufiger davon ausgehen, bei dem Thema schon ganz gut Bescheid zu wissen? 😄 Eine schlüssige Antwort hatten wir natürlich nicht.

Und bevor daraus jetzt eine Sozialstudie gebaut wird: Das ist anekdotische Evidenz aus genau einem Workshop. Die Teilnehmerinnen hatten unterschiedliche biografische, kulturelle und sprachliche Hintergründe, und daraus lässt sich weder etwas über Frauen mit Migrationsgeschichte als Gesamtgruppe noch über ihren jeweiligen inneren Antrieb ableiten.

Gefreut hat es mich trotzdem. Frauen mit Migrationsgeschichte sind schließlich keine homogene Gruppe und auch nicht per se “vulnerabel”. Je nach Lebenssituation können sich aber unterschiedliche Barrieren überschneiden: Sprache, Geschlecht, Rassismuserfahrungen, Bildungszugänge, finanzielle Ressourcen, Sorgearbeit oder fehlende Zugänge zu bestimmten beruflichen und gesellschaftlichen Netzwerken.

Digitale Technologien können solche Ungleichheiten verschärfen, wenn bestimmte Gruppen bei Wissen, Nutzung und Zugang zurückbleiben. Sie können gleichzeitig Handlungsmöglichkeiten schaffen, wenn Menschen sie für sich erschließen.

Und genau deshalb fand ich es schön zu sehen, dass die Frauen an diesem Samstag nicht irgendwo darauf gewartet haben, dass ihnen jemand digitale Teilhabe ermöglicht. Sie waren da, haben ausprobiert, nachgefragt, teilweise bereits eigene Lösungen gefunden und wollten am Ende vor allem wissen, was noch alles möglich ist. Eine Teilnehmerin ist sogar gemeinsam mit ihrer Mutter gekommen.

Das ist für mich eine deutlich interessantere Beobachtung als jede pauschale Erzählung darüber, wer angeblich technikaffin ist und wer nicht.

Kritisch prüfen und trotzdem neugierig bleiben

Wenn ich den Workshop mit Problemwissen, Lösungswissen und Transformationswissen noch einmal anschaue, dann gehört für mich alles drei zusammen. Menschen müssen verstehen können, wie digitale Systeme funktionieren und wo Manipulation, Fehler oder Verzerrungen entstehen. Sie brauchen konkrete Werkzeuge, mit denen sie Informationen prüfen können. Und sie brauchen genügend Anwendungskompetenz, um aus diesem Wissen im eigenen Alltag etwas zu machen.

Unsere Prüfroutine dafür war bewusst einfach:

  • Kurz stoppen: Was löst der Beitrag gerade in mir aus?

  • Originalquelle öffnen: Wer hat die Information zuerst veröffentlicht?

  • Beleg suchen: Was stützt die Behauptung tatsächlich?

  • Kontext prüfen: Passen Datum, Ort, Bild und Aussage zusammen?

  • Unabhängig vergleichen: Wer berichtet noch darüber?

  • Daten schützen: Was möchte und sollte ich überhaupt preisgeben?

Genau diese Schritte haben wir anschließend praktisch angewendet.

Genauso wichtig finde ich aber die andere Seite: verstehen, was möglich ist, ausprobieren, Werkzeuge in den eigenen Alltag übersetzen und entscheiden können, wo sie hilfreich sind und wo man ihnen eben gerade keine Entscheidung überlassen sollte.

Für mich ist das ziemlich nah an digitaler Souveränität: genug verstehen, um weder alles begeistert mitzumachen noch sich aus Angst vor Fehlern komplett herauszuhalten, sondern selbst handlungsfähig zu bleiben.

Danke an das Muslimische Bildungswerk für Demokratie e. V. und vor allem an die Teilnehmerinnen für die Offenheit, die Fragen und die Lust aufs Ausprobieren. Dass aus einem Workshop zu Fake News und KI direkt der Wunsch nach einem weiteren, deutlich praktischeren Anwendungsworkshop entstanden ist, nehme ich sehr gern mit. 💛


Und wer vorher Lust auf einen anderen Blick auf digitale Kommunikation hat: Am 26. Oktober 2026 von 18 bis 20 Uhr gebe ich für Weltoffenes Thüringen den kostenfreien Online-Workshop “Wie digitale Kommunikation wirkt und wie wir sie kritisch lesen und verantwortungsvoll gestalten” im Rahmen der Thüringer Aktionstage für Medienbildung, gefördert von der Thüringer Landesmedienanstalt.

Da geht es stärker um Framing, Emotionalisierung, Vereinfachung, Rollen- und Feindbilder, Polarisierung und Plattformlogiken – und darum, wie wir selbst klar und wirksam kommunizieren können, ohne wichtige Zusammenhänge oder Perspektiven unter den Tisch fallen zu lassen.

Die Anmeldung läuft über meine Website.

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